Bekennende Heiner 2010: Carla und Hans-Rolf Ropertz

Bekennende Heiner 2010:
Carla und Hans-Rolf Ropertz

Carla und Hans-Rolf Ropertz

H.-R. Ropertz 
Als meine Frau nach Darmstadt kam, tat ich alles, um ihr die schönsten und prägendsten Eindrücke von Darmstadt zu vermitteln. Und einer dieser Eindrücke ist die Aufführung des Datterichs, jenes wunderbaren Stückes, das ein wesentliches Merkmal besitzt, das auch Goethes Faust auszeichnet: Beide Stücke sind voller Passagen, die zu Sprichwörtern wurden, die jeder kennt.

C. Ropertz   
Das aber machte es mir so schwer, den Datterich zunächst zu verstehen, denn alle lachten im Theater, wenn eine solch wichtige Passage unmittelbar bevorstand. Jeder kannte den Text. Und so übertönte das herzliche Gelächter diesen Text.

H.-R. Ropertz   
Aber – so hat es uns Frau Palesch gesagt – ich soll zwei Fragen beantworten: „Was macht denn ihre Liebe zur Stadt aus?“ Und: „Was qualifiziert Sie zur Wahl zum „Bekennenden Heiner“? Bestimmt nicht, weil wir beide die so oft gescholtene Fassade von H+R initiiert hatten. Es gab Zustimmung und Kritik, so auch von unserem Freund Georg Hensel, der zu mir sagte: „Panzerkreuzer Potemkin.“ Andere erfanden andere Ausdrücke wie „Grüne Blechschachtel“ usw. Johannes Breckner danke ich für eine vorsichtigen Apologie im Echo vom 25.01.10:

„Nicht wenige der angeprangerten Architektursünden geschahen in bester Absicht, manche sind erst durch den Wandel der Architektur- und Gestaltungsmoden zur Sünde geworden. So die von Otfried Rau entworfene grüne Außenhaut des Darmstädter Modehauses Henschel und Ropertz …
Der Entwurf war Ergebnis eines Wettbewerbs und wurde mit dem Segen der Denkmalpflege gewählt, ebenso die Farbe, die das Grün im Helm des Weißen Turms und auf der Unterseite der Platanenblätter aufnehmen sollte.“

So kann der Wille zu guter Gestaltung seinen Urheber diskreditieren.

Nochmals kurz zu mir, zur ersten Frage: Ich kam 1941 in die Knabenarbeitsschule, eine Grundschule am Messplatz, heute Mercksplatz, in dessen Garten der Darmbach im Untergrund verschwand und der wieder das Tageslicht auf dem Karolinenplatz erblicken sollte. Ein Vorhaben, das mangels gefüllter Kassen, aber auch bisweilen mangelnden Wassers nach langen Diskussionen ad acta gelegt wurde, zur Beruhigung all der Bürger, die fürchteten, in das notwendigerweise künstliche Bachbett hineinzufallen und eine Abdeckung forderten, was ihn aber wieder unsichtbar machen würde.

Von 1943 bis 1945 evakuiert. 1945 ins LGG. 1945 – das Kriegsende – war für mich eine wunderbare Zeit: Die Befreiung vom Krieg. Ich konnte die Zeit der Wiederbelebung der Stadt, den Aufbau von Häusern und Straßen miterleben, die Wiedergeburt des Theaters, der Konzerte in der Stadthalle, die ersten Bücher bei Frau d’Hooghe und Lehrer, die vom Eros Paidagogos beseelt waren: uns die Demokratie – ja, die Einheit Europas als Ziel zu implantieren. Dann Studium in Frankfurt und Heidelberg. Lehr- und Wanderjahre unter anderem bei Karstadt in Essen. Seit 1965 Tätigkeit bei Henschel + Ropertz bis 2003.

Und jetzt sage ich, was als Grund für die Ehrung – und so empfinde ich sie – in Betracht kommen könnte: Meine Frau und ich haben uns bemüht, in der Tradition der Firma Rothschild das Haus Henschel + Ropertz unverwechselbar zu machen. Zwar modern und allem Neuen aufgeschlossen, aber menschlich, eine Heimat für die Kunden und Mitarbeiter. Zwei Zitate dafür: „Wenn man bei H+R um eine Ecke biegt, entdeckt man stets etwas Neues, Schönes.“ Das setzen die jetzigen Gesellschafter, Herr Kai Brune und Herr Dr. Moritz Koch, auf das Schönste fort.

C. Ropertz   
Ich stand Ende der 90er Jahre bei Wörtche, dem leider nicht mehr existierenden Geschäft für Wild und Geflügel hinter dem Alten Rathaus und hörte von zwei Damen vor mir: „In Darmstadt wird man ja nicht mehr freundlich bedient.“ „Doch, noch beim Henschel, da laufen ja auch noch die beiden Alten herum.“

Und wenn ich noch das Wort habe: Darmstadt erschließt sich Fremden zunächst nicht sofort oder nur schwer, und dies obwohl es in der Welt wohl selten eine Stadt dieser Größe gibt, über die nach dem Zweiten Weltkrieg so viele Bücher erschienen sind. Ich mag Darmstadt und die Darmstädter und ihre Sprache. Sie sind höfliche Menschen. Anstatt das brüskierende „Nein“ zu sagen, sagen sie: „Redde mer nachher drüber.“ Und Kritik üben sie durch „Mosern“, wobei ich nicht weiß, ob dieser Begriff durch die Kritik an zu hohen Staatsausgaben durch die Gebrüder Moser, Staatsminister des Landgrafen, entstand.

Aber je länger man in Darmstadt lebt, desto mehr erschließt sich das, was Karl Krolow so eindrucksvoll in seinem „Gedicht für Darmstadt“ beschrieb: „Hier war die Luft einmal lateinisch.“
Wir leben und lieben diese Luft. Ich finde, dass unsere Stadt – der Bereich zwischen Museum, darmstadtium und Marktplatz wie auch der Mathildenplatz – immer schöner wurde. Karl Wolfskehl, exul poeta, hat die Darmstädter in der FAZ vom 18.09.1925 so unübertroffen beschrieben:

„Dem Darmstädter haftet ein Stück innerlichen Outsidertums, Datterichtums, an, eine Unfähigkeit oder Unwilligkeit, Charakter, Meinungen und Neigungen ins jeweils Gebräuchliche abzustimmen, und eine innerliche Freiheit und Selbstgenügsamkeit. So finden wir, dass eine unverwüstliche Urantlitz, geknetet aus Klugheit und Skepsis, aus Wärme und Trockenheit, aus Spottlust und gutem Herzen, innerlicher Freiheit und Biedermannstum, Eifer und Verträumtheit: man findet den überlegenen Deklassierten, den Datterich, dies Monumentalbild der Darmstädter Selbstironie.“

Wir kamen zu Freunden, die das eigentliche Darmstadt mitprägten: Jürgen Roether als ältester, Günther Beelitz, Ulla und Fritz Haußmann, Anni und Georg Hensel und Helmut Lortz, Hilke und Günther Metzger und mit gebührendem Abstand Inge und Heinz-Winfried Sabais. Vor allem auch die rotarischen Freunde. Dolf Sternberger ist unvergessen, und bei mir sind es die Freundinnen des Inner Wheel Clubs. Und wir wussten, wenn man so viele Impulse und Glück empfängt, hat man sich einzubringen, auch mit kleinen Möglichkeiten und Gesten. So entstanden die Ehrenämter. Wir wollten einfach freundlich sein und hilfsbereit.

H.-R. Ropertz   
Wobei ich die Verballhornung eines Sprichwortes, das mich beeinflusste, nicht verschweige: „Eitel sei der Mensch, hilfreich und gut.“
Und nun mag meine Frau – wie stets – das letzte Wort haben.

C. Ropertz
Viele, die uns kennen, schmunzelten soeben. Aber ich ergreife gerne das letzte Wort: Ob dies nun alles für die Wahl zum „Bekennenden Heiner“ ausreicht, ist höchst fraglich. Wir meinten: Eigentlich nicht. Aber die Jury hat anders entschieden, und so sind wir dankbare „Bekennende Heiner“ und wollen das bleiben.