Bekennende Heiner

Charly Landzettel –
Bekennender Heiner 2016

Roland Dotzert:
Charly Landzettel – Hansdampf in allen Gassen

Erich Thomas Landzettel, den so eigentlich nur sein Standesbeamter nennt, weil er nur „Charly“ gerufen wird, ist – man will es kaum glauben – kein waschechter Darmstädter. Geboren in Bad Homburg haben ihn seine Eltern über Heddernheim in die Heimstättensiedlung verbracht, wo er eingeschult worden ist. Ob seine Lehrer froh waren, dass er in die Wilhelm-Leuschner-Schule wechselte, ist nicht überliefert. Nicht so sehr die Schule dürfte den nunmehr zum Bessunger gewordenen Knaben geprägt haben als eher die Turngemeinde Bessungen, bei der er sehr erfolgreich Handball spielte. In diesem Verein übernahm er im Laufe der Zeit immer mehr Verantwortung, zunächst als Trainer, Jugendtrainer, bis hin zum Abteilungs­leiter Handball. Und die Vereinsleitung erkannte schnell seine vielfältigen Begabungen, insbesondere und gerade auch als Verbal-Artist. Er ist in der Lage, komplexe und komplizierte Sachverhalte so umzudeuten, dass sie auf der einen Seite einen anderen Blickwinkel erschließen und zum anderen ob ihrer oft skurrilen Wendungen die Lachmuskeln reizen. Ein Beispiel gefällig? Zitat: „Ein alkoholfreies Bier ist wie ein BH auf der Wäscheleine. Das Beste ist raus“.

Von daher war seine Karriere vorbe­stim­mt­. In der Zeit von 1973 bis 1990 hielt er als Kerbevadder legendäre Kerbereden, scharfzüngig, spitz, Probleme ansprechend, aber nie verletzend. Auch aus dieser Aufgabe festigten sich seine Beziehung und sein Engagement im Stadtteil Bessungen, wo er 1990 den Vorsitz der Vereinigung der Bessunger Kerb e. V. übernahm. Von Anfang an war er dabei, als es darum ging, den Bessunger Hausberg, die Ludwigshöhe, vor dem Verfall zu bewahren und mit der Bürgeraktion Ludwigshöhe e. V. zum beliebten Ausflugsziel zu entwickeln. Da beide Vereine zum Teil gleiche Ziele verfolgten, war ein Zusammenschluss die logische Konsequenz. Die Fusion fand 1997 statt, Vorsitzender natürlich Charly Landzettel. Bis heute führt er den Verein und entwickelt mit seinem Vorstand immer wieder neue Ideen zur Weiterentwicklung dieses „Luftkurortes“. Mit den beliebten Veranstaltungen des Vereins wie das jährliche Ludwigshöhfest am 1. Mai, dem Sommerfest sowie dem Brunnebittfest mit Flohmarkt werden nicht nur Traditionen bewahrt, sondern auch ein finanzieller Grundstock für die Erhaltung der Ludwigshöhe geschaffen. Dies ist nur möglich durch eine beispielhafte Team­arbeit – und Charly Landzettel versteht es hervorragend, seine Mitstreiter zu gewinnen und zu motivieren. So ist es möglich, zusätzlich Wanderungen im Bessunger Forst, Stadtteilrundgänge, Ausflugsfahrten usw. zu organisieren. Und dass immer auch Angebote für Kinder und Jugendliche gestaltet werden, ist ihm ein besonderes Anliegen. Erwähnt sei hier beispielhaft die Nikolausbescherung auf der Ludwigshöhe.

Charly Landzettel mit dem ehemaligen Oberbürgermeister und Festpräsidenten Günther Metzger

Charly Landzettel steckt voller Humor. Man fragt sich, wo er seine Einfälle hernimmt. Jedenfalls begeisterte er weit über 20 Jahre das närrische Auditorium als „Chef vom Protokoll“ bei den Fastnachtssitzungen des Darmstädter Carnevalclub (DCC). So mancher Kommunalpolitiker war froh, wenn die Kommentierung des lokalen politischen Geschehens einigermaßen glimpflich erfolgte.

Schon in jungen Jahren gründete er das Gesangsquartett, die legendären Lapping-Singers, die später dann als DCC-Singers Furore machten. Bekannt weit über Darmstadts Grenzen hinaus, also bis Messel und Roßdorf.

Unser neuer „Bekennender Heiner“ ist ein gefragter Laudator bei Ehrungen, Geburtstagen und Jubiläen, Betriebsfesten, Einweihungen usw. Wer einmal das Vergnügen hatte, ihn in einer Paraderolle, nämlich der als Pfarrer, erleben zu dürfen, weiß, zu welch abenteuerlichen Versstrukturen er fähig ist. Schon die Begrüßungsformel „Liebe Schäflein und Schoofe“ lässt erahnen, was dem zu Feiernden blühen könnte. Dabei ist ihm die Mundart, der Darmstädter Dialekt, als sprachliches Gestaltungsmittel wichtig. Er weiß, wie sich im Dialekt Härten zu gefühlten Schmeicheleien formen lassen. Er hat keinen versteckten Humor, höchstens „en versteckte Dorscht“.

Charly Landzettel auf die Heimstättensiedlung oder Bessungen zu begrenzen, hieße ihm Unrecht tun. Nicht nur Dank seiner Aktivitäten im Kerbegeschehen ist er in nahezu allen Stadtteilen präsent – und seine gelegentlichen Grußworte konnten länger und inhaltsreicher sein, als manche Kerberede.

Dass Charly Landzettel der Liebe wegen nach Griesheim „ausgewandert“ ist, sei ihm verziehen. Mit seiner Gerda, seinen zwei Töchtern und Enkeln hat er sich dort eine Heimstatt geschaffen, die nicht unbedingt als Ruhezone bezeichnet werden kann. Darmstadt treu geblieben ist er nicht nur mit seinen Ehrenämtern, sondern auch mit seiner Firma, einem Großbetrieb in Nachbarschaft der TGB-Fußballfelder, mit einem Mitarbeiter.

Charly mit dem Leiter des Stadtarchivs Peter Engels

Aus dem Bub werd nix“, meinte schon fälschlicherweise Direktor Stork in Bezug auf Justus Liebig. Charly Landzettel hat zwar nicht den Ertrag auf den Feldern gemehrt, wie Liebig mit seinen Düngemittel­erfindungen. Aber er hat in Darmstadt auf vielen gesellschaftlichen Feldern geackert und dabei reiche Ernte eingefahren. Wir ehren mit Charly Landzettel einen „Bekennenden Heiner“, der diese Bezeichnung als Persönlichkeit lebt.