Bekennender Heiner 2014: José L. Encarnação

Täuschung oder Wirklichkeit?

Die Welt der rechnergenerierten Bilder, der virtuellen und der erweiterten Realitäten – von Darmstadt aus in die Welt

José L. Encarnação

Warum und wieso ich?

Ich muss zugeben, dass ich etwas überrascht war, als ich eingeladen wurde „Bekennender Heiner“ zu werden. Das hat mich zwar sehr gefreut und sehr geehrt, ich fragte mich aber auch „warum und wieso ich?“ Dann habe ich aber gelesen, was Ruth Wagner, der „Bekennende Heiner 2012“, über den Unterschied zwischen einem „Heiner“ und einem „Bekennenden Heiner“ geschrieben hat: „Der erste ist in Darmstadt geboren, der zweite kann, muss aber nicht hier geboren sein.“ Da war ich schon etwas beruhigter, denn – wie viele wissen - bin ich in Portugal geboren. Beim weiteren Recherchieren habe ich dann ein Papier von Liane Palesch gelesen in dem stand: „Bekennende Heiner (…) können auch Persönlichkeiten sein, die durch ihr Tun, ihre Aussage, Initiative oder Profession ihre Verbundenheit (mit Darmstadt) offen legen.“ Dann wurde die Sache für mich schon etwas
klarer, denn ich bin 1975, also schon vor fast 40 Jahren, an die Technische Universität Darmstadt, Fachbereich Informatik, als Professor berufen worden. Seitdem wohne ich zwar nicht in Darmstadt im engeren Sinn, sondern in Reinheim, Richtung Odenwald, bin aber mit der Stadt eng verbunden und hier beruflich aktiv. Ich glaube, dass es mir in dieser Zeit gelungen ist, als einer von vielen, ein wenig zu der Bezeichnung „Wissenschaftsstadt Darmstadt“ beizutragen. Langsam begann ich dann die Ehrung zu verstehen, die ich, sicherlich in Vertretung und im Namen vieler, die mindestens genauso viel dazu beigetragen haben, hier bekomme.

Was ist Heimat?

Ich sehe aber dies auch im Zusammenhang mit dem Begriff „Heimat“ über den in letzter Zeit so viel diskutiert wurde. Ich persönlich glaube nicht, dass es immer nur eine Heimat gibt. Das ist zwar möglich, aber nicht immer klar gegeben. Es hängt sehr stark von dem persönlichen Werdegang und Schicksal, also von der Vita jedes Einzelnen ab. Mein persönlicher Lebensweg führte mich von den schönen, am Atlantik gelegenen Badeorten Estoril und Cascais über Berlin, wo ich 13 Jahre lebte, nach Darmstadt. Hier wohne und arbeite ich seit 1975. Ich fühle es daher für mich so, dass ich drei Heimaten habe:

  • Die portugiesische Heimat, in der ich die ersten 18 Jahre lebte und dort persönlichkeitsmässig und emotional geprägt wurde,
  • Berlin ist aber auch meine Heimat, denn dort habe ich meine Frau kennengelernt und eine Familie gegründet. Auch dort wurde ich beruflich ausgebildet, geformt und habe mir die ersten Sporen verdient, und dort ist mir die Integration in Deutschland erfolgreich gelungen. Es war eine entscheidend wichtige Lebensphase und dadurch fühle ich mich in Deutschland schon ein bisschen als Berliner,
  • Und was ist mit Darmstadt? Darmstadt hat in den letzten fast 40 Jahren beruflich aus mir das gemacht, wofür ich heute stehe. Hier war die Basis für meine beruflichen Leistungen. Darmstadt hat sie ermöglicht und unterstützt. Was ich beruflich bin, habe ich Darmstadt und seiner Technischen Universität zu verdanken! Darmstadt ist also meine dritte Heimat, nämlich die berufliche Heimat. Ich werde Darmstadt dafür ewig dankbar sein.

So gesehen bin ich gern und aus Überzeugung ein „Bekennender Heiner“ und stehe mit Freude dazu.

Computer-Graphik – mein Fachgebiet

Ich möchte jedoch auch noch etwas dazu sagen, was Darmstadt für mich – in diesem Kontext – bedeutet. Ich bin 1975 nach Darmstadt an die TUD als Informatik-Professor berufen worden. Ich hatte mich bis dahin als Wissenschaftler auf dem Gebiet der Computer Graphik, also der Graphischen Datenverarbeitung, qualifiziert und mir einen Namen gemacht: Was ist aber dieses Informatik-Fachgebiet?

Es ist die Disziplin, die sich damit beschäftigt wie aus Daten in einem Computer Bilder aller Arten generiert und ausgegeben werden. Der Mensch ist ein Augentier und kann nicht so gut nur mit Zahlen umgehen. Um alle Anwendungen der Informatik und Informationstechnik, die für uns heute schon selbstverständlich und Realität sind und die unsere Gesellschaft so tiefgreifend verändern, zu ermöglichen, mussten in den letzten fünfzig Jahren die Technologien, Systeme und Programme erforscht, entwickelt und realisiert werden, die dafür aus den Daten im Computer Bilder generieren und anzeigen und dann dem Benutzer erlauben, mit diesen Bildern umzugehen, einen Dialog zu führen und es schließlich auch zu ermöglichen, auf der Basis dieser Bilder mit anderen Benutzern über das Netz, z. B. über das Internet zu kommunizieren. Vieles was Sie heute mit dem  Smart-Phone machen, die Computer-Spiele, die bahnbrechenden Anwendungen in der Medizin und in vielen Bereichen der Natur- und Ingenieurs-Wissenschaften, sowie viele Anwendungen von Simulation und Animation, sind erst durch diese Entwicklungen ermöglicht worden. Das ist das, was man Computer-Graphik bzw. Graphische Datenverarbeitung nennt. Diese Disziplin ist nicht nur eine Disziplin für sich, sie ist auch ein Werkzeug und eine technologische Basis, die vieles ermöglicht, was bisher ohne sie so nicht möglich war. Sie hat in den letzten 50 Jahren unsere Informations- und Wissensgesellschaft, also unsere Welt, revolutioniert und grundlegend verändert. Ich bin seit 1967 bei dieser Entwicklung mit dabei gewesen, bin Teil davon und habe einiges dazu beigetragen.

Jetzt bin ich ein „Bekennender Heiner“!
Ich freue mich sehr über diese Ehrung, nehme sie gerne an und bedanke mich bei allen, die mich dafür vorgeschlagen und ausgewählt haben.
Von nun an bin ich aus Überzeugung ein portugiesischer, in Berlin aus­gebildeter „Bekennender Heiner!“

Vielen Dank, oder auf Portugiesisch „muito obrigado“.
José L. Encarnação