Verleihung des Luise-Büchner-Preises 2011 an den Heimatverein Darmstädter Heiner e.V.

„Darmstädter Impuls“ der HSE-Stiftung

Verleihung des Luise-Büchner-Preises 2011
an den Heimatverein Darmstädter Heiner e.V.

Eine Laudatio von Werner D’Inka

Bitte schauen Sie einmal nach links und einmal nach rechts. In dem Trio, das Sie mit Ihren beiden Sitznachbarn bilden, engagiert sich – rein statistisch betrachtet – eine Person im Ehrenamt. Jeder dritte Deutsche ist nämlich ehrenamtlich tätig. In Hessen liegt diese Quote noch höher, bei etwa 42 Prozent, und hier im Saal streift sie sicher die 100-Prozent-Marke.

Das Ehrenamt lebt aus einem Geist des Gebens und des Mitmachens – in der nächsten Umgebung, im Stadtviertel, in der Gemeinde, in der Region. Das Ehrenamt beginnt dort, wo Menschen aus freien Stücken Aufgaben übernehmen, jenseits aller Verpflichtung und Vergütung. Aber warum übernehmen so viele Menschen ein Ehrenamt? Warum opfern sie Zeit und Kraft, ohne dafür bezahlt zu werden?

Eine Erklärung gab schon Adam Smith, der Urvater der Ökonomie: Freiwillige seien mit ihrem Leben zufriedener als Nicht-Freiwillige, schrieb er. Geht es also, so könnte man argwöhnisch fragen, den Ehrenämtlern womöglich gar nicht um Altruismus, sondern um Selbstzufriedenheit? Nicht um die anderen, sondern darum, dem eigenen Leben einen Sinn zu geben?

Nun, die Haltung des Helfens, des Gebens, des Sich-Kümmerns scheint eine Art Konstante der Menschheitsgeschichte zu sein. Diese Einstellung kann religiös begründet werden, als Gebot der Nächstenliebe, sie kann dem Geist der Solidarität entspringen, oder es kann sich, Adam Smith folgend, in den Altruismus auch ein Schuss Selbstverwirklichung mischen. In jedem Fall hat sich tief im kollektiven Gedächtnis eine Einsicht abgelagert: Gemeinwesen, in denen die Prinzipien des Füreinander-Einstehens, der sozialen Integration und des freiwilligen Dienens hochgehalten werden, diese Gemeinwesen sind dem reinen Individualismus deutlich überlegen. Und eine Gesellschaft, in der jeder nur gerade das tut, was er tun muss, sind in jeder Hinsicht ärmer.

Die innere Haltung, die das Ehrenamt trägt, ist übrigens auch weitgehend unabhängig davon, wie viel Daseinsvorsorge der Staat sicherstellt. Es gibt Länder mit eher karger sozialer Absicherung, zum Beispiel die Vereinigten Staaten, in denen private Wohltätigkeit und bürgerschaftliches Engagement eine sehr große Rolle spielen. In den USA sind 40 Prozent der Bürger ehrenamtlich tätig. Ein ähnlich hohes freiwilliges Engagement gibt es allerdings auch in Skandinavien, also in Ländern mit einem eher fürsorglichen Staatsverständnis.

Das ehrenamtliche Engagement, so kann man daraus schlussfolgern, ist keinesfalls aus der Not geboren, sondern es entspringt dem zutiefst menschlichen Antrieb, etwas Sinnvolles zu tun, und zwar über die reine Pflicht hinaus.

In jedem Fall verdienen Menschen, die sich auf diese Weise engagieren, unseren Dank, unseren Respekt und unsere Anerkennung. Und deshalb ist es eine großartige Idee, dass sich die HSE-Stiftung der Aufgabe verschrieben hat, Menschen und Initiativen auszuzeichnen, die sich in Darmstadt und in Südhessen auf gemeinnützige und bürgerschaftliche Weise engagieren. Dafür hat das Kuratorium der HSE-Stiftung den „Darmstädter Impuls“ ins Leben gerufen – und im Begriff „Impuls“ kommt schon auf schönste Weise zum Ausdruck, dass die Preise, die wir heute vergeben, natürlich Dank ausdrücken, zugleich aber auch Ansporn und Ermunterung sein sollen.

Gruppenbild Preisträger Luise-Büchner-Preis 2011

Gruppenbild mit allen stolzen Preisträgern des „Darmstädter Impulses“ 2011 der HSE-Stiftung

Der Preis, deren Empfänger zu würdigen ich die Freude und Ehre habe, ist nach der Darmstädter Schriftstellerin Luise Büchner benannt. In ihrem Gedicht „Eine trübe Stunde“ gibt es folgende Strophe:

Nie streckt’ ich meine Hände
Nach reichster Glückesspende,
Ich brauche wenig nur:
Ein freundliches Verstehen,
Ein geistiges Umwehen,
Und Trösterin Natur.


Doch eigentlich ist es aus zwei Gründen völlig unangemessen, diesen Vers hier und heute zu zitieren. Denn erstens erleben wir keine trübe Stunde, sondern einen festlichen und frohen Abend. Zweitens spricht aus der Zeile
Nie streckt’ ich meine Hände
Nach reichster Glückesspende,

zwar schönste Bescheidenheit, aber mit Blick auf unsere Preisträger ist sie völlig unpassend. Denn sie sollen heute Abend ihre Hände nach reicher Glückesspende ausstrecken, denn sie haben es mehr als verdient.

Mit dem Luise-Büchner-Preis 2011 für herausragendes bürgerschaftliches Engagement in Darmstadt und in Südhessen werden zwei Initiativen ausgezeichnet. Das Kuratorium der HSE-Stiftung sprach den Preis, der mit der Glückesspende von jeweils 10.000 Euro ausgestattet ist, dem

Heimatverein Darmstädter Heiner e. V.
und dem Projekt Lebensweg e. V.


Das Darmstädter Heinerfest verbindet Brauchtumspflege und Liebe zur Heimat. Diese Heimatliebe hat aber nichts Enges, sie schließt niemanden aus, ganz im Gegenteil: Das Motto „Kommt alle“ lädt alle ein, und die Kunde vom Heinerfest dringt längst in alle Erdteile vor. Das ist nicht nur so dahergesagt, das kann ich beweisen. Gestatten Sie mir dazu eine autobiographische Anmerkung: Vor fünf Jahren war ich in Schanghai. Dort kam ich ins Gespräch mit Herrn Zhang. Herr Zhang hat in Darmstadt studiert, nannte sich selbst „halb Schanghainese und halb Heiner“, und er sagte, während seines Studiums habe er kein einziges Heinerfest versäumt und der schwärme seinen Landsleuten noch heute davon vor. Sie sehen: Das Heinerfest ist weltberühmt.

Das Heinerfest wurde 1951 begründet, während des Wiederaufbaus der 1944 zerstörten Stadt, als Signal der Hoffnung und der Lebenszuversicht. Vermutlich war der Stadtsäckel damals so leer heute, aber schon damals floss Wein aus dem Marktbrunnen. Die in die Stadt zurückgekehrte Aufbruchstimmung beschrieben die Kollegen vom „Echo“ damals so:

Überall spüren wir den neuen Geist ... Dieses Darmstädter Heinerfest soll uns alle umschlingen, Darmstädter, Bessunger, Arheilger und Eberstädter, Einheimische und Zug’raaste, alte und junge Heiner, um stolz zu sein auf diese Stadt, die Darmstadt heißt, die nie untergegangen ist.

Und mit einem Tusch wurde der 100.000 Einwohner begrüßt. Heute, 60 Jahre später, ist das Heinerfest eines der größten Innenstadtfeste Deutschlands. Es zieht Jahr für Jahr rund 800.000 Besucher an, und eine überschlägige Rechnung ergibt, dass im Lauf der 60 Jahre rein arithmetisch gesehen mehr als jeder zweite Deutsche einmal auf dem Heinerfest war.

Ein solches Fest mit 250 Schaustellern, mit mehr als 100 kostenlosen Veranstaltungen, ein Fest, das die Partnerstädte Darmstadts einbezieht, und an dem seit dem vergangenen Jahr auch die TU Darmstadt mit dem Programm „Wissenschaft erleben“ teilnimmt – ein solches Volksfest im besten Sinne des Wortes kann über so lange Zeit nur bestehen dank des unermüdlichen Einsatzes des Heimatvereins Darmstädter Heiner und seiner vielen ehrenamtlichen Helfer.

Deshalb und aus vielen anderen Gründen, die aufzuzählen leider die Zeit nicht erlaubt, wird der Heimatverein Darmstädter Heiner e.V. mit dem Luise-Büchner-Preis 2011 der HSE-Stiftung ausgezeichnet (…)

Der Laudator Werner D’Inka, Jahrgang 1954, ist Journalist und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.