Weingarten an der alten Stadtmauer

Neu beim 66. Darmstädter Heinerfest:
Von der „Wirtschaft zum runden Eck“ zum Weingarten an der alten Stadtmauer

Lauschig, beschattet von alten Bäumen gibt es erstmals beim Heinerfest einen idyllischen Weingarten an der alten Stadtmauer – unweit des Hinkelsturms. Eine grüne, ruhige Oase etwas abseits vom Heinerfesttrubel, und doch nur ein Steinwurf entfernt von der Land­graf-Georg-Straße. Hier werden die Weinliebhaber verwöhnt von den Weingütern Karl Ottes aus dem Rheingau und Münzenberger aus Rheinhessen. Flamm­kuchen und Grillspezialitäten von Familie Hausmann sorgen für die nötige Grundlage, um die hervorragenden Weine in vollen Zügen genießen zu können.
Ein geschichtsträchtiger Ort, denn mit diesem neuen schönen Platz kehrt das Heinerfest zurück zu seinen Anfängen, wurde hier doch in den 50er Jahren das Heinerfest eröffnet wie altes Foto­ma­terial aus dem Stadtarchiv belegt.

Das Foto zeigt Bürgermeister Schröder bei der Eröffnung des Heinerfestes 1953, im Hintergrund ist die Silhouette der zerstörten Altstadt zu erahnen.

Oberbaudirektor Peter Grund enthüllte damals eine Gedenktafel an der alten Stadtmauer mit den Worten: „Eine in Stein gehauene Inschrift wird vom Schicksal dieser Stätte und dem Lebenswillen ihrer heutigen Einwohner künden, und ein Spielplatz wird der Jugend zum fröh­lichen Tummeln überlassen…“
Nur 40 Meter von der Stadtmauer entfernt stand bis zum schrecklichen Bombenangriff am 11. September 1944 die „Wirtschaft zum runden Eck“. Im Jahre 1870 eröffnete Carl Ferdinand Schäfer eine einfache Arbeiter-Wirtschaft in der Altstadt, Lindenhofstraße 2 (Große Kaplaneigasse). Die Ecke des Hauses war im Erdgeschoß abgerundet, damit die Fuhrwerke in den engen Gassen besser um die Kurve fahren konnten und so kam die Wirtschaft zu ihrem Namen „Rundes Eck“.

„Als Carl Ferdinand Schäfer im Jahre 1909 starb, übernahm sein Schwiegersohn Jakob Stütz die Geschäfte. Das Foto oben stammt aus dem Jahre 1912 und zeigt rechts vor dem Haus stehend die beiden Wirtsleute Jakob Stütz und seine Frau Amalie (geb. Schäfer), links daneben ihre drei Söhne Heinz, Walter und Wilhelm“, berichtet der Enkel Helmut Stütz, vielen bekannt als Pianist und Sänger von „En Haufe Leit“. Bis heute erzählt man sich diese Geschich­te in der Familie Stütz, die wir den Heinern nicht vorenthalten möchten: „Jakob Stütz führte ein strenges Regiment und seine drei Buben machten bei jeder Gelegenheit Bekanntschaft mit dem ‚Spanjer‘, einem Rohrstock, der über dem Türrahmen immer griffbereit deponiert war. Spanjer hieß der Stock, weil er aus Bambus war und Bambus früher ‚Spanisches Rohr‘ genannt wurde. Die Wohnung befand sich im ersten Stock über der Wirtschaft.
Eines Abends wurden die drei Buben ‚enuff ins Bett‘ geschickt, aber es war ihnen noch nicht gleich zum Schlafen zu Mute. Heinz nahm den großen Kamm und hielt in so über die Kerzenflamme, dass großartige Schattenmuster an der Decke und der schrägen Wand zu bewundern waren. Es war Heinz allerdings nicht bewußt, dass der Kamm aus dem hochentflammbaren Material Zelluloid bestand. Etwas nahe an die Kerze gekommen, entzündete sich der Kamm explosionsartig.
Es entstand eine große Stichflamme, vor Schreck ließ Heinz den Kamm auf die Bettdecke fallen, wo er natürlich weiterbrannte und drohte das gesamte Zimmer, das Haus und womöglich die ganze Altstadt in ein Flammenmeer zu verwandeln. Jakob kam just in diesem Augenblick ins Zimmer, geistesgegenwärtig ergriff er den bereits halb gefüllten Nachttopf (Pottschamber) und schüttete ihn über die Flammen. Jedoch das Zelluloid brannte weiter. Mit dem Paradekissen konnte er zum Glück noch die Flammen ersticken. Der Spanjer hatte anschließend an diesem Abend noch einiges zu tun. Dem Haus blieb jedoch der Flammentod leider nicht erspart. Zusammen mit nahezu der gesamten Darmstädter Altstadt wurde es bei dem verhehrenden Luftangriff 1944 zerstört.“

Wer es sich beim Heinerfest im Weingarten gemütlich gemacht hat und seine Blicke schweifen lässt, findet nur nur noch ein Modell der Altstadt. Von den alten schiefen Häusern und der bei den Heinern so beliebten Wirtschaft zum runden Eck ist rein garnichts mehr zu entdecken. Um so wichtiger ist es, dass die Geschichten von damals in unserer Erinnerung weiterleben.

Wir wünschen allen fröhliche Stunden bei einem Glas Wein im Weingarten an der alten Stadtmauer!

Helmut Stütz und Sabine Welsch