Vor 60 Jahren – Das erste Darmstädter Heinerfest
Vor 60 Jahren –
Das erste Darmstädter Heinerfest
Sechs Jahre nach dem verheerenden Bombenangriff im September 1944 begannen im Sommer 1950 die ersten Planungen für ein Darmstädter Heimatfest. Nach jahrelanger Entbehrung sollte endlich einmal wieder fröhlich miteinander gefeiert und an die traditionsreiche Geschichte der Stadt vor dem Krieg erinnert werden. Der „Verkehrs- und Verschönerungsverein Darmstadt“ übernahm die Aufgabe, das Darmstädter Volksfest zu organisieren. Ein Aufruf erging an die Bürger, Vorschläge für die Namensgebung und den Ort des neuen Heimatfestes zu machen. Neben „Ludwigsfest“, „Datterichfest“, „Fest beim langen Lui“, „“Worschtweckfest“, „Fest der Stadt im Walde“ oder „Darmstadt lebt und arbeitet.“, stimmte die Mehrzahl für „Heinerfest“, das fortan im Zentrum rund um das Schloss immer am ersten Wochenende im Juli gefeiert werden sollte.
In zahlreichen Sitzungen beriet der fast 50-köpfige Festausschuss über den Ablauf des allseits mit Spannung erwarteten Heimatfestes. Der Phantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt: Die Seeschlacht auf dem Woog zwischen den Kriegsschiffen „Darmstadt“ und „Bessungen“ fiel dann allerdings genauso ins Wasser wie der Balkon- und Vorgartenwettbewerb. Von der Festkappe, mit der man ursprünglich werben wollte, wurde ebenfalls Abstand genommen und auch der Ochs am Spieß – ein Traum eines jeden hungrigen Darmstädters in jenen Tagen des Mangels – konnte beim ersten Heinerfest noch nicht auf dem Marktplatz gebraten werden. Viele Ideen wurden jedoch – trotz großer Schwierigkeiten – realisiert und das Programm des ersten Heinerfestes konnte sich durchaus sehen lassen.
Bei schönem Sommerwetter startete das erste Heinerfest am Freitag, dem 29. Juni 1951 um 20.30 Uhr, mit einem Großen Serenadenkonzert am Marktbrunnen aus dem Wein floss. Das Orchester Paul Bänisch spielte Werke Darmstädter Komponisten, alle Darmstädter Chöre beteiligen sich mit über 900 Sängern, ein 40-Mann-Blasorchester verbreitete Feststimmung, und die Darmstädter Sportvereine zeigten ihr Können.
Wer an diesem ersten Heinerfestabend durch die Straßen rund ums Schloß schlenderte oder das Angebot der Internationalen Luftwerbung „Aero“ wahrnahm und zum Preis von 25 DM über Darmstadt flog, der sah nicht nur die durch den Krieg verursachten Wunden der Trümmerstadt. Er konnte überall auch den unbändigen Aufbauwillen der Darmstädter Bürger entdecken, deren ungebrochener Optimismus sich beispielsweise in einem Heinerfest-Triumphbogen – gebastelt aus Holzstangen eines Baugerüstes – manifestierte. Noch 24 Stunden vor Beginn des Heinerfestes, so berichtet das Darmstädter Echo am 30. Juni 1951 „fraß sich ein Riesenbagger mit gierigem Appetit in die Mauerreste eines zerstörten Hauses, warf in Eile den Bissen auf die startbereiten Lastwagen, und ab gings durch die Mitte ... Der Leiter der städtischen Trümmerbeseitigung zeigte den Einwohnern was eine Harke ist. Der Schweiß rann in ehrlichen Strömen, es gab keine Arbeiterstandbilder zu sehen, und der olle Bismarck schaute sehr verwundert in die Gegend ...“ Die Festgestalter wussten sich zu helfen und improvisierten: Unter dem Motto „Grün ist die Hoffnung – und Grün ist Trumpf“ bekam die geschundene Stadt ein Festgewand: Alte Backsteinkästen bepflanzte man mit farbenfrohen Blumen, Trümmer wurden beseitigt oder zumindest mit Tannen- und Birkengrün bedeckt, so die Order des „Trümmer- und Verschönerungsamtes“. Man spannte riesige Girlanden aus Zweigen und Blumen über Gehwege und Straßen und schmückte die Stadt mit blau-weißen Fähnchen.
Solchermaßen herausgeputzt wurde dann auf dem Marktplatz am Samstagmorgen um 10.00 Uhr das erste Heinerfest offiziell eröffnet. Eine Festouvertüre erklang, der damalige Oberbürgermeister Dr. Ludwig Engel gedachte mit einer Schweigeminute den Toten des 11. Septembers 1944: und lobte den Aufbauwillen der Bevölkerung: „Überall spüren wir den neuen Geist ... Dieses Darmstädter Heinerfest soll uns alle umschlingen, Darmstädter, Bessunger, Arheilger und Eberstädter, Einheimische und Zug’raaste, alte und junge Heiner, um stolz zu sein auf diese Stadt, die Darmstadt heißt, die nie untergegangen ist und die wir mehr denn je liebhaben.“ (Darmstädter Echo, 2.7.1951). Stolz verkündete der Oberbürgermeister, dass Darmstadt endlich wieder Großstadt sei. Der 100.000 Einwohner Darmstadts wurde mit einem Tusch begrüßt. Es war der 21 Tage alte Heiner Wilfried Münster, dem der Stadtrat und erste Festpräsident Julius Reiber eine komplette Babyaustattung, ein Sparbuch über 300 DM, ein Fahrrad und einen Schulranzen überreichte. Die HEAG versprach – sollte der Bart einmal sprießen – für einen Rasierapparat zu sorgen. Beglückt nahmen die Eltern des Jungen die Geschenke entgegen.
Erstmals wurde der Heinerfestmarsch von Christian Lorenz aufgeführt und das von Wilhelm Etzold anlässlich des ersten Heinerfestes komponierte Heinerlied gesungen, dessen Refrain „Darmstadt, du sollst leben...“ von allen begeistert mitgesungen wurde. Im Anschluss erklang das Glockenspiel im Schlosshof, allerdings von der Schallplatte, da der Glockenturm ebenfalls fast gänzlich zerstört war. Ballonwettfliegen, Sportdarbietungen sowie von Robert Stromberger und Hans Herter, alias Mickedormel, vorgetragene Mundartgedichte rundeten das Samstagprogramm ab. Die Hessische Spielgemeinschaft zeigte Szenen aus Ernst Elias Niebergalls „Datterich“ im Schloßhof. Bis heute ist die 1925 gegründete „Hessische Spielgemeinschaft“, die sich durch die Bemühungen um ein Darmstädter Volksfest seit 1950 wieder zusammenfand, mit einer Aufführung während der Heinerfesttage vertreten.
Während der gesamten Festdauer war unter den Schlossarkaden die Puppenbühne von Hanns Hildenbrandt zu sehen, dessen „Heinerle“, als typischer Darmstädter Kasper, Klein und Groß bis 1973 entzückte. Angeregt von den Organisatoren fanden heimatkundliche Ausstellungen, Tanz- und Turnvorführungen statt, und die Spielschar der Volkshochschule Darmstadt-Eberstadt zeigte: „Wie Liebig noch en Heiner woar“. Der Darmstädter Einzelhandel, ohne dessen tatkräftige Unterstützung die ersten Heinerfeste nicht Zustände gekommen wären, veranstaltete einen Schaufensterwettbewerb und initiierte erstmals einen verkaufsoffenen Sonntag. Wer allerdings die kuriose Idee hatte, dass man sich mitten im Hochsommer mit einem Eisbär fotografieren lassen konnte, ist heute nicht mehr zu ermitteln.
Aus ganz Hessen reisten Schausteller mit ihren Wohnwagen an und schlugen einfache Bretterbuden auf. Attraktionen vor 60 Jahren waren Spielwarenstände und Eisbuden, eine Experimentalschau, ein Flohzirkus, ein Affentheater, eine Alpen- und Raupenbahn und Darbietungen von Liliputanern. Begeistert berichtete das Darmstädter Echo am 30. Juni 1951: „... aus Marktplatz, Friedensplatz und Theaterplatz wurde ein einzigartiger Jahrmarkt der Sensationen – ein buntes, bezauberndes Bild der Fröhlichkeit und des leichten Lebens“. Eine dieser Sensationen war das so genannte Motorbootrennen auf dem Friedensplatz. In einer umfunktionierten Autoscooterbahn dümpelten keineswegs rasant, sondern eher gemächlich kleine Boote, die eigentlich Autos waren, dahin. Ertrinken konnte dabei übrigens niemand, da die Wassertiefe maximal 20 cm betrug. Damit hat der Heinerfestausschuß den „Woog ins Festgelände“ geholt – wie es im Darmstädter Echo hieß. Es gelang den Organisatoren wahrhaftig scheinbar Unmögliches möglich zu machen, ja sie schufen auf dem Marktplatz wahrhaft paradiesische Zustände: Hier floss aus dem Marktbrunnen erstmals Wein, und auch die Schlossbastion wurde bereits beim ersten Heinerfest in ein Weindorf verwandelt.
Am Heinerfest-Sonntag führte die Tanzschule Bäulke den „Tanz im Wandel der Zeiten“ in Originalkostümen auf und am Montag, an dem alle Schulen geschlossen blieben, begann bereits um 8.00 Uhr das Kinderfest mit „Sackhibbe, Worschtschnabbe und Eierlaafe“. Die Erwachsenen vergnügten sich derweil – allerdings erst ab 11.00 Uhr – beim Frühschoppen, der bis heute fester Bestandteil des Heinerfestes ist.
Einer der wichtigsten Programmpunkte des ersten Heinerfestes war jedoch zweifellos das Eintreffen der vom Festausschuss eingeladenen evakuierten Darmstädter. Am Heinerfestmontag um 14.00 Uhr wurden 900 Evakuierte auf der Rathausterrasse mit einer Ansprache von Julius Reiber empfangen. Ein großer organisatorischer Aufwand war diesem Ereignis vorausgegangen: Mit Bussen, Bahn und Privatautos wurden die geladenen Gäste in ihren neuen Wohnorten abgeholt. Eine gemeinsame Bewirtung im Festzelt erwies sich als undurchführbar, da nicht genügend Geschirr zur Verfügung stand. Deshalb erhielt jeder der 900 Evakuierten vier Bons im Wert von je 0,50 DM, die überall auf dem Festgelände eingereicht werden konnten – ein Vorläufer unserer heutigen Heinerfest-Wertmarken. Umsonst war der Kuchen, den die Bäckerei Bormuth stiftete.
Krönender Abschluss des ersten Heinerfestes war das große Feuerwerk um 22.00 Uhr, das bis heute das Finale des Heinerfestes bildet. Alle waren sich damals einig: Das erste Heinerfest war ein Riesenerfolg gewesen. Tausende besuchten das Fest und feierten ausgelassen bis in die frühen Morgenstunden. Das 12-seitige Festprogramm war im Nu vergriffen, ebenso die 50.000 Festabzeichen für je fünfzig Pfennige. Euphorisch resümierte die Schaustellerzeitung „Komet“ am 30.7.1951: „Nun hat auch Darmstadt sein Heimatfest, das erste ‘Heiner’-Fest, hinter sich und, um es gleich zu sagen, es hat eingeschlagen! Das Wetter war vom ersten Tag an bis zum Schluss großartig. Die vorgesehenen 50.000 Abzeichen haben nicht gereicht und außer aus der Stadt und der näheren Umgebung kamen Tausende von Besuchern mit Sonderzügen. Bis nach Hamburg, Nürnberg und in die Pfalz erstreckte sich die Anziehungskraft dieses Festes…..“
Sabine Welsch
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