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Claus Netuschil - Bekennender Heiner 2018

NetuschilFoto c Christoph Rau 3

Über Darmstadt und die restliche Welt - Bekenntnisse zu einer Stadt!

„Kall, wenn mer Sie so redde hört, könnt mer maane, Dammstadt wär de Nawwel der Welt“! Dieses Zitat ist einem Gespräch zwischen Stefan George und Karl Wolfskehl abgelauscht und bezeichnet ziemlich genau meinen Lebensmittelpunkt: Darmstadt! Und so wie Karl Wolfskehl überall in der Welt, in München und Berlin, Florenz, Rom und selbst im sehr fernen Auckland/Neuseeland, wohin er vor den Nazis geflohen war (und sehr viel authentischer, als ich es jemals tun könnte, mit nasalem Timbre und tief dialektisch eingefärbt), von Darmstadt sprach und auch über die Darmstädter Nationalgesichter, den Datterich u.v.a. schrieb, so bin auch ich unterwegs, immer mit der Darmstädter Kunst- und Literaturgeschichte im geistigen Gepäck, mit allen Straßen und Bauwerken vor dem inneren Auge, vom Langen Ludwig über den Hochzeitsturm bis zum kurzen Bismarck (wohl wissend, dass in Darmstadt nicht alles an dem Ort zu finden ist, wo es eigentlich hingehörte), von der Mathildenhöhe, „meinem“ Hausgarten Herrngarten und all den anderen Parks. Und im Herzen die Menschen, die hier leben, mit denen ich über sechs Jahrzehnte etwas zu tun hatte und habe, mit denen ich im Gespräch verbunden oder in Freundschaft zugetan bin: ein personaler Kosmos der jüngeren Geistesgeschichte Darmstadts. Dass dies so ist, mein Leben prägt und das ich als Erbe forttrage, das ist mein Bekenntnis zu dieser Stadt!
Mit viereinhalb bin ich mit meiner Familie aus Heppenheim in ein ziemlich zerstörtes Darmstadt gekommen, Trümmer als Alltagssituation auch noch 1954. Daraus erwuchs ein gesteigertes und immer stärker werdendes Interesse für die Kunst, die Literatur, die Kultur und die Geschichte dieser Stadt!
Meiner Liebe zum Buch war scheinbar der Ort der gefundenen Wohnung geschuldet: die Berliner Allee, das Verlagsviertel mit Luchterhand, Schneekluth, mit Axel Springer und Hoppenstedt.
Ausgerüstet mit einem scheinbar kindertauglichen Bakelit-Fotoapparat ging ich 8/9-jährig durch die Stadt und eignete mir das, was der Krieg an Architektur und Stadtgestalt übrig gelassen hatte, visuell an: Luisenplatz, Porzellanschlösschen, Marktplatz und die trümmerlandschaftlich durchsetzte Innenstadt. Die Kunsthalle fand früh mein Interesse, was sich noch einmal fast 50 Jahre später - für ein kurzes Jahr - verdichten sollte, in dem ich sie leitete und ein volles Programm machte. Es war nicht die Weltliteratur, die zuerst in meinen Interessensradius geriet, sondern Darmstädter Autoren und solche, die die Stadt nachhaltig gestreift haben: der junge Goethe und Merck im Kreis der Empfindsamen um die Große Landgräfin. Früh las ich die Aphorismen von Lichtenberg, Büchners „Leonce und Lena“ und Niebergalls „Tollen Hund“, bis hin zum George-Kreis um 1900 und dem literarischen Zirkel um „Die Dachstube“ und „Das Tribunal“ um 1920.
Eingeschult wurde ich in der eben gerade gebauten Wilhelm-Leuschner-Schule und interessierte mich, hingewiesen vom Rektor und Mentor für alles Darmstädtische, Hans Karl Stürz, sofort für den Namensgeber, einem Mann des Widerstands und des politischen Denkens, und ich begegnete in der Schule früh öffentlicher Kunst mit dem riesengroßen Fresko von Ernst Vogel und den Wandgestaltungen von Eberhard Schlotter, zwischen Lehrerzimmer und Pausenbrotausgabe.
Mit der Geige kam ich nicht weit, was ich mir doch sehr gewünscht hätte, immerhin brachte sie mir die Besetzung als einer der beiden Musikanten in der 3. Szene des 2. Bildes ein, und damals schon habe ich mein Unverständnis artikuliert: „Sie vastehn kah Kunst“. Der eine Musiker unserer Schulaufführung wurde krank, es kam die Premiere des „Datterich“ und die Stelle wurde ersatzlos gestrichen. Enttäuschend und frustrierend für einen, der wochenlang geübt hatte, an der Geigenschnecke herumzukauen: Nix wars mit Auftritt und Rampenlicht.
Mit gewaltigem Schub kam die Literatur des 20. Jahrhunderts in meinen Blick, mit Edschmid und Michel, Mierendorff und Haubach, Schiebelhuth und Zuckmayer, und so vielen anderen. Meine Sammlung zur Dachstube ist inzwischen ins Uferlose gewachsen, einige der Protagonisten habe ich noch kennenlernen dürfen und ihre Texte verinnerlicht, sodass ich sie immer wieder in Lesungen vorstelle und zum Thema von Ausstellungen mache. Auch das ist mein Bekenntnis zu dieser Stadt!
Der mir am unmittelbarsten und liebesnächsten ist, ist der Dichter Hans Schiebelhuth (1895 -1944), ein Darmstadt-Botschafter per excellence, der das Darmstädtische in die amerikanische Literatur gebracht hat. Seine Übersetzungen zu Thomas Wolfe leben aus dem Klang des Darmstädter Dialekts. Wie schön die Nähe zu den zeitgenössischen Autoren, die von Darmstadt aus ihr literarisches Werk entrollen.
Aber wo bleibt die Kunst, werden Sie fragen? Die war latent von Anfang an da, nicht in die Wiege gelegt, nicht durchs Elternhaus vermittelt, aber übermächtig existent: ich konnte den schönen Künsten nicht entrinnen und wollte und will es auch gar nicht. Im Berliner Studium der Germanistik und Kunstgeschichte, Anfang der siebziger Jahre, waren neben Kafka, Benn und Trakl, immer auch Edschmid und Krolow im Kopf und neben Cézanne, Picasso, Klee und all den anderen, hatten Carl Philipp Fohr, Eugen Bracht und Heinrich Reinhard Kröh, Gunschmann, Thesing, Posch und später dann Loth und Lortz, Hoppe und Steinforth und all die vielen Zeitgenossen, deren Werk ich in vielen Ausstellungen bis heute zeige, einen festen Platz in meinem Kunstkosmos.
Gerade mal 25 Jahre alt, habe ich 1976 meine Galerie in Darmstadt eröffnet, mit der wir, meine Frau und ich, über zwei Generationen den Darmstädtern die Kunst nahebringen, mit fast 600 Ausstellungen, mit unendlich vielen Lesungen, Führungen, Vorträgen etc. Viele Entdeckungen aus der Darmstädter Kunstszene des 20. Jahrhunderts und Einsatz für die gleichaltrigen, aber auch und immer mehr für die sehr viel jüngeren Künstler. Auch das, mein Bekenntnis zu unserer Stadt!
Aber damit noch nicht genug. Es dampft in allen Gassen: Kunst! Und ich müsste eigentlich „Hans“ heißen! Wo sind die Daten der unbekannt gebliebenen Künstler, wo die Werke der wohl Bekannten, wo ist die Stelle, die die Kunstszene von Beginn an flächendeckend dokumentiert? Solch eine Stelle gab‘s in keiner anderen Stadt, auch in Darmstadt fehlte ein allein auf die Kunst spezialisiertes Archiv. Und also habe ich 1984 das Kunst Archiv Darmstadt e.V. mit wenigen Gleichgesinnten gegründet, das heute in der Dokumentation und Sammlung riesengroß geworden ist und jedem Mitglied und allen Interessierten sehr viel Programm zur Darmstädter Kunstgeschichte lebendig vermittelt.
Ich bin allen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, allen Mitgliedern und Förderern des Kunst Archivs sehr dankbar, dass sie das große Vorhaben mittragen und unterstützen. Mein Leben von sehr früh bis sehr spät abends gehört der Kunst und Literatur. Das ist mein Beitrag und mein echtes Bekenntnis zu Darmstadt.

Ihr Claus Netuschil