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Bekennender Heiner 2009

Sebastian Koch

Bekennender Heiner 2009: Sebastian Koch

sebastian koch fotoschiessen heinerfest 2009

 

Fotoschießen auf dem Heinerfest mit Freunden. Von links: Roland Scherp, Florentina Huth, Klaus Bolz, Dirk Eckel, Sebastian Koch, Maximilian Huth, Joachim Huth und Anna Mulzer, von der das Foto stammt.

Den Schauspieler Sebastian Koch haben wir zum Bekennenden Heiner 2009 gewählt. Er ist mit Darmstadt verwandt, seit er von 1986-1990 hier am Staatstheater engagiert war. Ein ganz junger Mann damals, gerade 24 Jahre alt. Nach den Städtischen Bühnen Ulm war Darmstadt sein zweites Engagement. Seine Rollen im Darmstädter Schauspiel gaben ihm ein großes Spektrum, sein Können und seine Möglichkeiten auszuspielen. Er spielte in Christian Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“ den Leonhard in der Regie von Hannelore Hoger, den Fritz in „Liebelei“ von Arthur Schnitzler, Regie Elke Lang, unter Jens Pesel den Leonce in Büchners „Leonce und Lena“ und den Peer Gynt im gleichnamigen Stück von Henrik Ibsen. Unter der Regie von Ansgar Haag spielte er den Melchior Gabor in „Frühlingserwachen“ von Frank Wedekind. Eike Gramms besetzte ihn als Wlas in Maxim Gorkis „Sommergäste“ und Götz Burger als George in „Blind Date“ von Mark Horowitz. Darmstadt war eine wichtige Station im Leben von Sebastian Koch. Er hatte nicht nur Erfolg, er fand hier auch Freunde, und es begann in diesen Jahren eigentlich seine Karriere, es kamen die ersten TV-Angebote, und es kam der Ruf ans Berliner Schillertheater. In all seinen Gesprächen und Interviews hat Sebastian Koch seiner Darmstädter Zeit eine ganz persönliche Wichtigkeit gegeben und seine Bindungen in heiteren und herzlichen Worten geschildert. Er bezeichnet seine Darmstädter Jahre als seine unbeschwertesten, ja glücklichsten. Das HEINERFEST spielt auch eine wichtige Rolle und ist bis heute für ihn ein Neigungstermin, wenn die Verpflichtungen es zulassen. So in diesem Jahr, wo er viel zur Seite räumen musste, um zur Eröffnung im Darmstädter Schlosshof zu sein und sich seiner neuen Berufung zu stellen.

sebastian koch 2009 1

Leonce und Lena 1987, Staatstheater Darmstadt, Foto: G. Schreckenberger

Natürlich haben wir beobachtet und nachgelesen, was er so alles vor und nach seinen Darmstädter Jahren gemacht hat. Er ist 1962 in Karlsruhe geboren, ging in Stuttgart-Untertürkheim aufs Gymnasium. Seine Mutter wollte etwas Ordentliches aus ihm machen, aber sein Wille siegte, und sie war dann die erste Station für das Vorsprechen. Mit dem „Sommernachtstraum“ hat er die Aufnahme in die Schauspielschule geschafft. Von 1982 bis1985 studierte er an der Otto- Falckenberg-Schule in München und spielte in der Zeit im Theater der Jugend. Am Schillertheater blieb er drei Jahre. Daneben gab es zahlreiche Film- und Fernsehrollen. Zunächst waren es Episodenrollen meist in Krimiserien. 1997 brillierte er als Andreas Baader in Heinrich Breloers Doku-Drama „Todesspiel“. 2001 kam der endgültige Durchbruch mit der Darstellung des entführten Industriellensohnes Richard Oetker in „Der Tanz mit dem Teufel“ und des Schriftstellers Klaus Mann in Heinrich Breloers Doku-Drama „Die Manns – Ein Jahrhundertroman“. Für beide Rollen erhielt Sebastian Koch 2002 den Grimme-Preis.

sebastian koch als peer gynt 1989

Sebastian Koch als Peer Gynt 1989, Staatstheater Darmstadt

2004 verkörperte er eindringlich den NS-Architekten Albert Speer in „Speer und Er“, wiederum unter der Regie von Heinrich Breloer. Dann kam 2006 der große internationale Durchbruch mit dem Film „Das Leben der anderen“, in dem er einen erfolgreichen DDR-Schriftsteller spielt, der von der Stasi bespitzelt wird. Der unter der Regie von Florian Henckel von Donnersmarck sorgsam erarbeitete Film wurde 2007 als „bester fremdsprachiger Film“ mit dem Oscar ausgezeichnet. 2006/07 spielte Sebastian Koch am Bochumer Schauspielhaus nach zwölf Jahren Pause wieder einmal Theater.

„Effi Briest“ nach Theodor Fontane ist gerade in den Kinos angelaufen. Hier spielt er den Baron von Instetten. Im Januar 2008 war er neben Klaus Maria Brandauer in der Hauptrolle in der internationalen Kino-Produktion „Das Verhör des Harry Wind“ nach dem gleichnamigen Roman von Walter Matthias Diggelmann zu sehen. Zuletzt hat er sich für drei Monate einem Fitness- und Krafttraining unterzogen, um in der Neuverfilmung von Jack Londons Roman „Der Seewolf“ den Kapitän Wolf Larsen zu spielen. Das war – wie wir gehört haben – wochenlange harte Arbeit auf stürmischer See vor Kanada. Nicht alle Filme und Stationen können wir aufzuzeigen, nicht alle Preise, Auszeichnungen und Nominierungen zu nennen, hier nur die wichtigsten: 2003 den DIVA-Award, bester deutscher Schauspieler für die Goldene Kamera für seine Rolle in „Napoleon“, 2004 Goldener Gong für seine Rolle als Stauffenberg, 2005 Bayerischer Fernsehpreis und Deutscher Fernsehpreis für seine Rolle als Albert Speer, sowie 2006 „Die Quadriga“ für „Das Leben der anderen“ (zusammen mit Ulrich Mühe und dem Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck) sowie den Bambi als „Bester Schauspieler National“. Wie wird es weitergehen? Er macht viel, er kann viel. Es heißt: Er kann alles spielen – Opfer, Täter, Sadist, Opportunist, Idealist. Komplexe Rollen sind sein Ding. Beim Lesen des Drehbuchs muss es „kribbeln“, sagt er. In einem Rundfunkinterview über seine Rolle als Albert Speer erklärte er: „Der Speer war schwer. Einfach aus der Tatsache heraus, dass das eine solch lange Arbeit war. Vier Monate haben wir dafür gedreht. Es waren ja drei Filme. Ich hatte auch keine Erfahrung, was das mit mir macht, wenn man über eine so lange Zeit so intensiv in eine Figur eintaucht. Und das war am Schluss sehr anstrengend“. Und er betont, wie wichtig es für die Rolle ist, die innere Haltung des Dargestellten zu verstehen.

Über seine Rollen, über seine Wandlungsfähigkeit haben wir informiert. Aber wie ist er privat? Bleibt da Platz für einen ganz normalen Menschen? Am Telefon: er kann wunderbar befreiend lachen, er kann sich so richtig herzhaft freuen, z.B. über unsere Anfrage, ob er unser Bekennender Heiner 2009 sein will. Er fühlt sich geehrt, er will das gerne machen, er erzählt von seinen Heinerfestbesuchen mit seinen Darmstädter Freunden, vom obligatorischen Fotoschießen und dass er unbedingt versuchen will, alle Termine so zu schieben, dass seine Darmstadt-Visite möglich ist. Und auch wir freuen uns von Herzen und bedanken uns bei diesem rundum sympathischen Menschen.
Liane Palesch

 Sebastian Koch über Darmstadt Darmstadt: Bellevue – Schöne Aussicht

Es gibt viele Arten der Auszeichnungen - Medaillen, Pokale, Fernsehpreise, Bambis, Oscars. Als ich letztes Jahr einen Anruf aus Darmstadt erhalten hatte, und eine Frau Palesch fragte: „Sie, Herr Koch, wir haben da so e Frach, wolle se net unsern bekennende Heiner 2009 sein?" - da habe ich mich so gefreut. BEKENNENDER HEINER - zwei Worte, so festlich, warm und erhebend, als ständen sie im religiösen Kontext. Doch ‚Bekennender Heiner‘ ist für mich eine Weltanschauung, ein Lebensgefühl; ‚Bekennender Heiner‘ ist man im täglichen Leben. Ich bin es bereits seit 1986!

Nie werde ich vergessen, als ich 1986 mit Sack und Pack, die Freunde mit dem Transporter, ich auf meiner alten BMW, in Darmstadt einlief. Die A5 runter, hinein in diese ungeschickt zusammengewürfelte Betonwüste von Maritim, Karstadt und Luisenplatz, bis hin zum wohl verheißungsvollsten Bau der Menschheitsgeschichte - dem Staatstheater Darmstadt. Voller Vorfreude und Tatendrang, und nicht ahnend, dass es mit die schönsten vier Jahre meines Lebens sein würden. Ich habe mich überraschend schnell eingelebt in dieser Stadt: Über meinen Freund Joachim Huth, der wiederum mit Dirk Eckel befreundet war, der wiederum einen wunderbaren Freundeskreis um das Cafe Bellevue hatte, in dem ich mich sehr schnell sehr wohl fühlte. Alsbald wurde das Bellevue mein zweites Wohnzimmer, und ist bis heute eines meiner Lieblings Cafes. Und so hatte ich neben der überaus spannenden Theaterarbeit wunderbare Freunde, die durch großartige gemeinsame Aktionen immer vertrauter wurden, mit denen ich im festen Rhythmus einmal die Woche im Herrengarten Fußball und Badminton spielte, mittwochs Skat, alle drei Monate einen Pokerabend mit Dämmerungspflicht (Dämmerungspflicht meint in dem Fall, dass, bevor nicht der erste Vogel den Tag einläutete, an ein nach Hause kommen nicht zu denken war - es war verboten), Backgammon Turniere, hin und wieder herrliche Urlaube, und all die regelmäßigen Dinge, die ich, seitdem ich in Berlin lebe und Filme mache, sehr vermisse. Ein Hoch auf die Regelmäßigkeit des Alltages! Ein Hoch auf Darmstadt! Stadt der Künste! Kann in einer solchen Betonwüste lebendiges Theater entstehen? Die Zeit würde es zeigen.

Jens Pesel war der damalige Spielleiter, das Staatstheater ein Drei-Sparten-Haus. Da gab es für einen Anfänger kein Rasten. Ich hatte zum Teil bis zu 25 Vorstellungen im Monat. Ein Traum für jemanden, der das Theater kennen lernen will: Sich ausprobieren will, immer wieder neues entdecken will und dabei auch Fehler machen darf. Das erste Mal in einem großen Theater vor 800 Leuten zehn Sätze sagen. Zum ersten Mal in einem großen Theater eine kleine Rolle zu spielen. Zum ersten Mal in einem großen Theater eine Hauptrolle zu spielen. Ich war glücklich, in dieser Stadt zu sein. Nie habe ich eine solche Toleranz dem Anderen gegenüber erlebt. Zumal in Deutschland. Die Architekten, die Dichter und Schreiber, die Theaterleute, die Maler - all diese Kreise konnten wunderbar nebeneinander und miteinander sein. Ob im Kaisers oder im Petri - nie war etwas elitär, etwas wichtiger als das Andere. Das ist das, was Darmstadt für mich ausmacht. Und da spielt ein bisschen mehr oder weniger Beton keine Rolle. Es sind die Geschichten, die Menschen, die die Dinge liebenswert machen ...

Hier zwei davon: Backgammon Turnier bei Roland Scherp. Viele Menschen waren gekommen, um zu siegen. Einige, um Spaß zu haben. Und so begab es sich, dass alle Paare ihr Spiel beendet hatten, bis auf eines. Klaus Bolz und ich. Auch wir wollten siegen und spielten verbissen. Aber das Spiel wollte und wollte kein Ende nehmen. Mittlerweile hatten sich alle Beteiligten des Turniers um unser Brett versammelt. Die ersten Rufe der Empörung waren zu hören. „Geht's nicht noch langsamer?" „Wie lange dauert das denn noch?" In die beklemmende Stille hinein fragt einer: „Mit welcher Farbe spielst du denn, Sebastian?" Ich antwortete konzentriert knapp: „Weiß." Nach einer kurzen Pause stieß Klaus Bolz atemlos hervor: „Ich auch!?" Was jetzt in diesem Raum los war, ist mit Worten kaum zu beschreiben. Beschimpfungen, Drohungen... Und unter all dem „Das gibt´s doch nicht!", befanden sich zwei Männer, die vor Lachen mittlerweile unter dem Tisch lagen, und sich überhaupt nicht mehr einkriegen konnten ob der Absurdität dieser Situation. Das traurige Ende vom Lied aber war, dass die Gruppe uns vom Turnier ausschloss. Und wir in dieser Konstellation nie wieder Backgammon gespielt haben.

sebastian koch jung im staatstheater

Der junge Sebastian Koch bei einer Aufführung im Staatstheater Darmstadt

Spätestens seit dieser Begebenheit wusste ich, dass Mitte vierzig (ich bin ca. zehn Jahre jünger als die Anderen) das Kindsein endgültig zu Ende sein kann. Eine weitere bittere Erfahrung des Erwachsenwerdens.

Auch unsere Wiesbadener Kasino Tour werde ich nie vergessen. Fünf ausgewachsene Männer, in aus dem Fundus des Darmstädter Theaters geliehenen Smokings, rollen in einem Fiat 500 die Auffahrt des Kasinos empor, steigen lässig aus, nicht ohne dem verdutzten Portier ein dickes Trinkgeld in die Hand zu drücken. Ein unvergesslicher Abend. Und auch hier ging es nie um Geld, obwohl natürlich jeder von uns davon träumte, das große Glück auf seiner Seite zu haben. Aber wirklich wichtig war der Spaß, das Wissen um die Magie des großen Glücks, nicht ohne das eigene Glück aus den Augen zu verlieren. Über Darmstadt zu berichten, ohne die wunderschöne Landschaft zu erwähnen, die es umgibt ist unmöglich. Wie oft bin ich mit meiner alten BMW durch den Odenwald gebraust, habe mich in die Kurven der weichen Hügellandschaft gelegt, Maurice André im Ohr, und hätte schreien können vor Glück! Meist war mein Ziel eine wunderschön gelegene Terrasse nahe des Schlosses Lichtenberg; nahezu alle meine Texte wurden dort mit viel Kaffee und Zigaretten auswendig gelernt. Nur bei Premieren überschnitten sich meine beiden Welten - die private und die Theaterwelt. Meine Darmstädter Freunde waren immer meine schärfsten Kritiker. Sie waren in jeder Premiere. Und auf die Frage, wie war's, gab's nur drei Antworten: Gut, net schlescht, subber Sebbl. Danach wurde inhaltlich nicht mehr viel geredet.

Die Direktheit meiner Freunde hat mich nie abheben lassen. Und ist vielleicht eines der größten Geschenke in dieser Zeit - durch sie war ich immer geerdet. Jedes Jahr fanden wir uns an einem der unzähligen Foto-Schießstände des Heinerfestes zu einem gemeinsamen Fotoshoot ein, und haben, bis auf wenige Ausnahmen, über 12 Jahre ein lückenloses gemeinsames Älterwerden. Denn viele Jahre noch bin ich regelmäßig zum Heinerfest eingeflogen, egal wo ich mich aufhielt.

Und wenn heute, 20 (in Worten: zwanzig!!) Jahre später, Stefan Benz vom Darmstädter Echo auf einer Berliner Pressekonferenz aufsteht und fragt, „wie war denn das mit dere Effi", dann durchströmt mich immer noch ein warmes Gefühl von Heimat.

Sebastian Koch